Marta ist anders (Joh 11,19–27)

Marta ist anders. Auch wenn sie nach dem Tod ihres Bruders Lazarus Jesus entgegengeht unterscheidet sie sich von ihrer Schwester Maria, die diesmal im Haus bleibt. Als sie hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen (Joh 11,20) und begegnete ihm draußen. Beim jenem anderen Besuch Jesu war Maria mit ihm und Marta widmete sich der Arbeit im Haus, in dem sie ihn aufgenommen hat (Lk 10,38).

In den Evangelien ist Marta mit beiden empfindlichen Lebenssituationen verbunden. Erstens, handelt es sich im Lukasevangelium um jenen Fall, dass ein wichtiger Gast ins Haus kommt (Lk 10,38-42). Das zweite ist im Johannesevangelium und es ist ein Todesfall in der Familie (Joh 11). Es ist jener Fall, wenn uns jemand von den nächsten Verwandten gestorben ist .

Die Schule, in der Jesus gezeigt hat, dass er auch für Marta der Meister ist, war gut und hat sich gelohnt. Sie ist eine Jüngerin und eine Glaubende.

Martas Name hat Jesus zweimal gerufen: „Marta, Marta!“ (Lk 10,41). Es war wie bei den wichtigen Berufungen in der Bibel, wo Gott tief ins Leben seiner erwählten zugreift und eine Veränderung bringt, die die Lebensaufgabe bestimmen wird. So war es bei Abraham, als Isaak schon am Opferaltar war. So war es bei Mose vor dem brennenden Dornbuch, auch bei Samuel, der noch ein Junge war. So war es bei Paulus – dem Schutzpatron aller Bekehrenden.

Jesus hat Marta die wichtige Belehrung über das Eine nötige erteilt. Sie hat er gesehen, wie sie ganz in Anspruch genommen war, wie sie sich viele Sorgen und Mühen macht. Jesus ist nicht gegen das Dienen, er selber ist gekommen um zu dienen. Und er respektiert das. Er erklärt ihr aber, dass eines notwendig ist (Lk 10,42).

Die Ergebnisse der Belehrung durch den Meister sind offensichtlich in den Tagen des Todes von Lazarus. Jetzt ist Marta diejenige die genau hinhört und sobald sie hört, dass Jesus zu ihnen kommt, sie geht hinaus ihn zu treffen (Joh 11,20).

Auch jetzt, wie damals, sie ist die erste die das Wort ergreift und ihn anspricht: “Herr!” (Lk 10,40; Joh 11,21). Sie richtet ihre Botschaft auf ihn. Ist das ein Vorwurf? „Wärest du hier gewesen, wäre mein Bruder nicht gestorben“. Auf jeden Fall ist dies keine Forderung wie damals: „Sag ihr doch, sie soll mir helfen“ (Lk 10,40). Diesmal ist das die Anerkennung der Macht Jesu. Marta sagt, dass die Anwesenheit Jesu stärker als der Tod ist. Und sie glaubt, dass die Fürsprache Jesu allmächtig ist: alles, worum er Gott bittet, wird Gott ihm geben (Joh 11,22).

Marta ist anders. Wer im Evangelium spricht vor Jesus so ein präzises Glaubensbekenntnis über die Auferstehung am Letzten Tag aus (Joh 11,24)? Es ist jene Auferstehung von den Toten, auf die die Kirche durch Jahrhunderte hofft. Aber Jesus ist noch einmal ein Lehrer für Marta. Er korrigiert und ergänzt. Die Auferstehung ist nicht nur weit weg an Ende der Zeiten. „Ich bin die Auferstehung“, sagt Jesus (Joh 11,25). Ich, Marta, der ich mit dir rede hier und jetzt.

Marta verdanken wir also eine der besten „Definitionen“ mit der Jesus sich selbst zu kennen gibt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (Joh 11,25). Dies wird er auch durch Tat bestätigen.

Marta ist anders. Und nicht nur dadurch. Marta ist wie Petrus, der erste unter den Aposteln. Sie steht auf derselben Ebene mit dem Felsen auf dem Jesus das Haus baut, sie ist wie derjenige dem Jesus die Schlüssel anvertraut. Im entscheidenden Moment hat sie nämlich auch vor Jesus bekannt: Du bist Christus. Du bist der Messias (Joh 11,27; Mt 16,16). Genauso hat Petrus durch die Offenbarung des Vaters die Frage Jesu beantwortet.

Marta ist in den Evangelien mit zwei prekären Situationen verbunden: wenn uns ein wichtiger Gast besucht und wenn uns jemand von den Nahen stirbt. Die Kirche, versammelt beim Altar empfängt auch den Gast, der unter der Gestalt von Brot und Wein zu uns kommen möchte.
Die Kirche ist auch um den versammelt, der gestorben ist. Aber er ist auch für uns auferstanden.

p. Niko Bilić, SJ

(16.09.2008.; 3.5.2011.; 23.07.12.)

Die Berufung des Propheten Amos

In der Spannung zwischen Institution und Charisma

Bevollmächtigung eines “Nicht-Propheten”

Am 7,10-17

Mit seinem Wirken zwischen cca. 780 und 740 v.C. – vor allem wäh­rend der Regierung Jerobeams II. von Israel (s. Am 1,1), der bereits seit 793/2 als Mitregent unter Joas an der Macht ist, – gehört Amos zu den frühesten Schriftpropheten. Nach dem Auftre­ten von Elia und Elischa innerhalb der Kön 1-2, soll er eigent­lich mit seinem ältesten “selbständigen” Prophetenbuch chronolo­gisch an der ersten Stelle der sog. zwölf “kleinen Propheten” in der Bibel stehen, vor Hosea und Joel. Zusammen mit Hosea kann er als Vor­gänger des großen Jesaja gelten, dessen Berufung am Ende der Tätigkeit von Amos geschieht (740/39 v.C).

Über die Berufung von Amos gibt die Bibel nur einen kurzen Aus­weis innerhalb der Episode Am 7,10-17. Dieser Text befindet sich im abschliessenden Drittel des Amosbuches und – im Rahmen von Kapitel 7 – folgt er im Anschluß auf drei Visionen (v.1-3; 4-6; 7-9), die mit dem Hinweis auf die von Jahwe gegeben Schauung ein­setzen und die Drohungen ‘gegen das Haus Jerobeam’ (v.9) entfal­ten. Mit der Darstellung der Auseinandersetzung mit dem “Reichspriester” Amasja, in die der Hinweis auf die Berufung von Amos (v.14f) eingebettet ist, schließt das Kapitel ab.

Als “Andeutung der Not” kann man im Kontext des Amosbuches die allgemeine Androhung mit den Bildern vom kommenden Unheil anse­hen, die in ‘nicht an ihm vorübergehen’ als einem direkten Ge­genteil zum schonenenden Vorübergang in der Pesaschnacht (Ex 12,23 `br + psh) zugespitzt und im, für Amos spezifischen, drei­maligen ‘ganz bestimmt wird weggeführt werden’ (Am 5,5; 7,11.7) zum übermäßigen Höhepunkt gebracht wird. Der “Auftrag” ist im Text als Gotteswort: ‘Geh, prophezeie (zu) meinem volk Israel!’ in v. 16 festgehalten. Der “Einwand” und Widerstand kommt nicht von Amos, sondern von Amasja in dem – dem Jahwes Auftrag direkt widersprechenden – abweisenden Befehl an den Propheten Amos ‘nicht… prophezeie!'(v.13). Die “Zusicherung”, in der die gewöhn­liche, vertrauliche und gar intime, Wendung: ‘mit dir sein’ aus­fällt, soll man wahrscheinlich erst am Ende des Buches in dem Hinweis auf die positive Wirkung vom – sonst vorwiegend als Drohung augegebenen “Tag Jahwes” – suchen (Am 9,11ff): ‘an jenem Tag’ wird Jahwe ‘aufrich­ten’.

Anstatt der in einer Berufungserzählung üblichen Bestimmung durch das Wortpaar ‘senden-gehen’ enthält Am 7,14f – neben ‘ge­hen’ innerhalb der direkten Rede als von Gott an Amos gerichte­ten Imperativ – das Zeitwort ‘nehmen’, was einen besondern Ein­griff Gottes bezeichnet und dieses Berufungsgeschehen in die Nähe einer “Entrückung” bringt, die sonst durch ‘nehmen’ gekenn­zeichnet ist. Eine “Entrückung” wirkt im Zusammenhang mit der Tatsache, daß Amos aus dem Südreich – aus der Stadt der ‘klugen’ (2 Sam 14,2) Witwe, die mutig bei der Wiederversöhnung im Davids Reich mit­wirkt – stammt und im Nordreich tätig ist, verständ­lich: Von Gott ist Amos in eine Art Exil ‘genommen’, um zu pro­phezeien. Wie die kluge Witwe zu einer Aktion die mit dem be­gnadigenden Kuß (2 Sam 14,33) endet wird auch Amos von einer höheren Macht geholt: Man kann darauf vertrauen, daß auch seine Bot­schaft – trotz erschreckender Färbung und tatsäch­lich ein­treffenden Fall Samariens 721 v.C. – letztlich zum positi­ven Ausgang führt (vgl. Am 9,11ff). Bezeichnen­der­weise steht ‘sen­den’ in Am 7,10-17 für den Prie­ster Amasja, wie auch – par­allel zu v.15 – ein Imperativ ‘geh!’ (v.12 ähnlich ‘prophezeiest’) an Amos. Viel­leicht sollen diese Wendungen auf die – im Zusammen­hang mit Kult – ständige Gefahr der Anmaßung hinwei­sen, die Rolle Gottes über­nehmen zu wollen.

Mit Mose (Ex 3) und David (1 Sam 16) ist die Berufung von Amos dadurch verbunden, daß er ein Hirt war und daß ihn das ‘Holen’ Gottes bei einer ‘Herde (Kleinvieh)’ (Am 7,15) erreicht. Wie Elischa (1 Kön 19,19) ist er aus seiner alltäglichen Beschäfti­gung von hin­ter den Tieren weg berufen worden.

Der peinliche Konflikt mit der religiösen und politischen Struk­tur ist offensichtlich: Nach dem Amasja im ersten Abschnitt (v.10f) der Episode Am 7,10-17 den Propheten beim König ankla­gen und dadurch die dringende Botschaft auch bei Jerobeam II. selbst ankommen lässt, wendet er sich (in zweitem Teil v.12f) mit sei­nem An­griff direkt gegen die Identität und prophetische Sendung von Amos. Was der Prophet ge­schaut hatte (s. ‘Schwert’ v.9) ist dem Souverän höchstper­sönlich zur Kenntnis gegeben (‘Schwert’ v.11); der Pro­phet wird, wahrscheinlch pejo­rativ und veracht­lich, ein ‘Se­her’ (v.12) ge­nannt. “Auslän­der raus!”, “Amy, go home!” heißt – über­setzt – die Bot­schaft (v.12) des am­tierenden Tempelpriesters an Amos, der weder durch prie­ster­liche Abstam­mung noch durch eine Aus­bildung amtliche Bestä­tigung ver­dient hat und trotzdem Got­tes­worte zu verkünden be­hauptet (Am 3,1.8). Amos gehört nicht zu den ‘Söh­nen der Pro­pheten’ (v.14) von denen bei Elischa oft die Rede ist. Aber trotzdem ist er in dem selben Land Israel tätig, das durch das Stichwort ‘Jerobeam’ an den Zerfall des davidischen Reiches und die kultische Absonderung erin­nert, die von den Deuterono­misten bekanntlich als die ‘Sünde Jerobeams’ gebrandmarkt wird. Ähnlich wie bei Elia-Eli­scha bringt der pro­phetische Auf­trag Amos soweit, daß er mit der politischen Macht­spitze zu tun hat: er wird vor dem König als ‘Aufruhr-Stifter’ (v.10) angeklagt. Es wird ihm also, ähnlich wie Elia von Ahab (1 Kön 18,17), vorge­worfen, das sein propheti­sches Wirken, die ganze Volksge­mein­schaft des Königreichs Israel (s. ‘Haus Israel’, ‘das Land’ v.10) ins Unglück bringt: Amos wird zum politisch gefährlichen erklärt.

Die Vorwarnung vor dem sicheren Untergang öffentlich zu verkün­den ist keine angenehme Aufgabe. Amos führt sie aber (Am 5,10) – offensichtlich zur Unlust der Hörenden – aus und macht sich selbst zum Gehassten und Verabscheuten. Von der dreimal wieder­holten, dringend warnenden, Verbannungzu­sicherung (in dieser Form sonst nicht im AT), befinden sich zwei in unserem Text (vv.11 und 17). Umso verständlicher ist der Zusammenstoß mit der Religion, die viel­mehr den Trost und die Befreiung, Schutz und Geborgenheit bei Gott vermitteln und sich um Lebenszusicherung bemühen will. Deswegen weist Amos sich selbst als ‘kein Prophet’ (v.14) aus und sein Selbstverständnis beruht auf dem ‘Genommen­sein’ durch Gott selbst (v.15), was ihm möglich macht, im drit­ten und letzten Teil (vv.14-17) des Textes auf den unmittelbaren Angriff eine mindestens gleich harte Antwort zu geben: die prie­sterliche Identität Amasjas ist erschütternd in Frage gestellt, das Versprechen Gottes aber wird bejaht (v.17).

Niko Bilić SJ

21.11.1996

Deutsch auf AMDG

Spiritualität und Theologie

Christen und Islam in Kroatien

Jugend und das Wort Gottes

Der Vater Zacharias

Esra, der Priester und Schriftgelehrte

Ezechiel – der priesterliche Prophet

AUFERSTEHUNG IM AT

Er ist erschienen

Glaube an die Auferstehung im NT

Judit – schwach, aber stark

Ein Blick auf die Vollendung

Die Schöpfung

Noach, der Gerechte

Das Altargesetz

Das goldene Kalb

P. Rupert Mayer und Ignatius von Loyola

Sel. P. Rupert Mayer – Schutzpatron

Zwei Schwestern

Die Berufung des Propheten Amos